Buchempfehlung: Das grosse Insektensterben. Was es bedeutet und was wir jetzt tun müssen.

Super Buch gelesen, wer sich weiterbilden möchte:

Literaturtip: Das große Insektensterben. Was es bedeutet und was wir jetzt tun müssen (Andreas H. Segerer, Eva Rosenkranz), oekom-Verlag

Das Buch ist absolut empfehlenswert, es löst „Aha-Effekte“ aus, klärt auf und motiviert. Es gehört zu den besten Büchern, welche ich zu diesem Thema jemals gelesen habe. Seit rund drei Jahren beschäftigen wir (die Organisatoren der Insektenschutzprojekte „Blumiges Melle“ (http://blumiges-melle.de) und „Blumiger Landkreis Osnabrück (http://blumiger-lkos.de) uns ja (mehr oder minder) intensiv mit dem Thema. Trotzdem haben wir in dem Buch noch eine Vielzahl von Fakten und Informationen gefunden, die wir so noch nicht kannten. Das Werk ist lebendig geschrieben und hält eine Menge an wissenschaftlich belegten Informationen bereit (auch für Nichtwissenschaftler). Es sorgt dafür, dass ob der Situationen man als Leser einen trockenen Mund und eine klitzschnasse Stirn bekommt, und gleichzeitig motiviert es in hohem Maße. Nach dem Werk dürfte auch „der/die Letzte“ seine Zweifel am Insektensterben aufgegeben haben. Wer nach dem Schlusssatz nicht motiviert ist, nun endlich mitanzupacken und zu handeln, der ist entweder apathisch-gleichgültig oder hat ein Herz aus Stein. Zum Einstieg ein Kaltstartschocker (S.83):
Das sechste große Massensterben
„Im Lauf der Erdgeschichte sind immer Arten ausgestorben oder neue entstanden. Die Rate, mit der das geschah, lässt sich aus dem Fossilbeleg durch Datierung anhand der geologischen Zeitskala ermitteln. Schon vor 15 Jahren wurden Anzeichen dafür gefunden, dass die heutige Aussterberate rund tausend Mal über dem erdgeschichtlichen „Grundrauschen“ liegt. Diese Befunde haben sich zwischenzeitlich nicht nur erhärtet, sondern tendieren sogar gegen den Faktor Zehntausend. Forscher sprechen von einem „flächenhaften Kahlschlag“ der Tierwelt („Defaunation“) und sind sich inzwischen sicher: Das sind Anzeichen eines globalen Massenaussterbens. Nur fünf Mal sind in den vergangenen 542 Millionen Jahren, in der Ära höheren Lebens auf der Erde (dem Phanerozoikum), hat es Massensterben von vergleichbarer Intensität gegeben. Zuletzt passierte das vor 66 Millionen Jahren, als der Einschlag eines großen Asteroiden die Erde mit einer Wucht von einer Milliarde Atombomben erschütterte und die bereits vorbelasteten Ökosysteme kollabieren ließ.“

Aber der Reihe nach:
Zunächst wird auf die Leistungen der Insekten eingegangen. Als „Bestäuber“ sind 90% der Blütenpflanzen (ca. 80% der Nutzpflanzen) auf Bestäubung durch Insekten angewiesen. Ein beiderseitiges Geschäft. Die Pflanzen sichern sich die Fortpflanzung und die Insekten erhalten im Gegenzug Nahrung. Sie werden mit Pollen als Proteinquelle und Nektar als Kohlenhydrate versorgt.
Als Nahrungsquelle sind sie für Spinnen und andere Gliederfüßer, Amphibien, Fische, Reptilien, Singvögel, Kleinsäuger, Fledermäuse elementar.

Auf den Punkt gebracht (S.34): „Fallen Insekten als Nahrungsquelle aus, wirkt das wie ein Dominoeffekt bis in die feinsten Bereiche des Nahrungsnetzes zurück; es wird von der Basis her löchrig, anfällig für Störungen und kann sogar reißen, was den Kollaps der Ökosysteme bedeuten würde. Dieses Geschehen kann mit einer Pyramide aus Konservendosen verglichen werden, die im Supermarkt aufgestapelt ist; fängt ein Schelm an, ganz unten eine Dose nach der anderen herauszunehmen, dauert es nicht lange, bis die Pyramide teilweise oder, wenn es dumm läuft, sogar ganz in sich zusammenstürzt. Nichts anderes droht in der Natur, wenn eine Art nach der anderen ausstirbt – trifft es die entscheidenden Leistungsträger […] bricht alles zusammen.“

Recycler und Regulierer: Insekten gehörten zu den wenigen Organismen, die durch verschiedene Enzyme in der Lage sind, Aas zu fressen und es für Mikroorganismen „aufzuschließen“. Wären keine Insekten vorhanden, die Zersetzung von „totem Material“ (tierisch oder pflanzlich) würde um ein Vielfaches länger dauern. Nährstoffe würden entsprechend lange brauchen um im Boden zur Verfügung zu stehen. Und noch anders: Es würde stinken! Nach Fäulnis und Verwesung, die Gefahr von Seuchen würde wachsen. In der Stadt und auf dem Land.

Ohne Insekten würde sich unsere pflanzliche Ernährung im Wesentlichen auf Getreide konzentrieren, welches einer Winbbestäubung unterliegt. Oder etwas schärfer: Keine Insekten mehr = Mangelernährung!

Zudem: Die Landschaft würde noch monotoner werden, als sie (z.B. durch Monokulturen) ohnehin schon ist. Arten sterben aus, kein Zwitschern, kein Summen, keine bunten Farben mehr….

In einem weiteren Kapitel wird die „allgemeine Situation“ beschrieben. Das Insektensterben wird z.B. als größere Bedrohung als der Klimawandel dargestellt. Die harten Fakten lassen einem den Atem schwinden. In Bayern gingen in dreißig Jahren (1971-2000) mehr Schmetterlingsarten verloren (226) als in den vorausgegangenen 200 Jahren zuvor (191).
Bei mehr als ¾ unserer Schmetterlinge (Deutschlandweit) haben sich die Populationen um über 90% reduziert. In den Fluren Deutschlands gingen seit 1980 mehr als die Hälfte des Bestandes (55%) aller Vogelarten „verloren“. Zwischen 1998 und 2009 „verschwanden“ ca. 12,7 Millionen Brutpaare in Deutschland – Eine Katastrophe.
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der „ökologische Fußabdruck“ der Menschheit. Seit 1970 werden deutlich mehr natürliche Ressourcen verbraucht als die Erde reproduzieren kann. Im „globalen Mittel“ 1,7 X der Planet Erde. In Deutschland ist es noch schlimmer. Hier wird sogar auf Kosten von 3,2 Planeten gelebt.

Auch bei der Ursachenforschung wird „kein Blatt vor den Mund genommen“:
Es liegt eine multikausale (nicht-lineare) Wechselwirkung vor, bestehend hauptsächlich aus:
A) Intensiver Landwirtschaft (Heckenverlust durch Flurbereinigung), Einsatz von Pestiziden (1998 noch 35 Kilotonnen, heute: 47 Kilotonnen), Monokulturen, „Mähen auf Teufel komm raus“ (bis zu 6 mal im Jahr): (S. 95):
„Moderne Mähwerke sind wahre Todesfallen; kommt ein sogenannter Aufbereiter zum Einsatz, sterben rund 60 Prozent aller auf den Pflanzen sitzenden Insekten. Vielfach wird innerhalb weniger Stunden eine riesige Fläche gemäht und gleich für das Silo […]abgeräumt. Insekten finden oft keine Ausweichflächen mehr. Außerdem verschwinden bei zu häufiger Mahd empfindliche Pflanzen – und mit ihnen jene Insekten, die von ihnen leben. Häufig gemähte Biotope verschwinden rasch zu „grünen Wüsten“.“

„Kollateralschäden“ der intensiven Landwirtschaft sind eine abgrundtief grausame und barbarische Tierhaltung, Gülle in Fülle (wer braucht schon sauberes Trinkwasser?), klimawirksame Spurengase, und Antibiotika in der Tierhaltung.
B) Massive Flächenversiegelung: Nach Angaben des Umweltbundesamtes dehnte sich zwischen 1992 und 2015 deutschlandweit die Siedlungsfläche um 29,7 % und die Verkehrsfläche um 10,1 % aus. Täglich verschwinden ca. 104 Hektar unter Beton und Asphalt.

Teil 2 ist ein Lehrstück aus dem Bereich der Mobilisierung hin zu mehr Aktionismus: Natürlich sind wir nicht der Situation hilflos ausgeliefert. Wir alle, jeder Einzelne, hat es in der Hand und kann wertvolle Beiträge leisten:
Neben vielen sinnvollen Hinweisen für eine „übergeordnete Ebene“ (z.B. Politik, Regulierung der Landwirtschaft), können wir auf Balkonen, in Gärten, auf extra gepachteten Flächen (eine Flächenpacht liegt für einen Hektar oft bei wenigen Hundert Euro im Jahr) vieles vieles tun:
(S. 143):
* Standortangepasste Nahrungs- und Wirtspflanzen in ausreichender Menge und über alle Vegetationsmonate verteilt
* Viele ungefüllte Blüten, da bei gefüllten Blüten Insekten Pollen und Nektar nicht erreichen können
* Wiesen, die (wenigstens zum Teil) mit einheimischen Wildblumen aufgewertet und nur zweimal gemäht werden
Siehe auch Blühwiesenanlage und Pflege: http://blumiger-lkos.de/bluehwiesen-gestalten/
* Mähen in Abschnitten, um nicht alle Insekten dabei zu töten oder alle Nahrungsquellen gleichzeitig zu beseitigen
* Verzicht auf Mähroboter, Laubsauger- und -bläser
* Verschiedenartige Nistplätze für die unterschiedlichen Bedürfnisse der Insekten
(eigene Anmerkung: Aber nicht den Quatsch aus dem Baumarkt: http://blumiger-lkos.de/insekten-nisthilfe/)
Das Buch (S. 161) zu den herkömmlichen „Baumarkt-Nisthilfen): „Doch wer die teils gewagten Konstruktionen kauft, ist einem PR-Gag aufgesessen – als habe man für einen luxuriösen Preis ein Billighotel ohne Frühstück gebucht. Im Grunde ist schon der Name bezeichnend: Hier ist nichts von Dauer. Aber Insekten sind keine Jetsetter, sie suche eine sichere Bleibe für sich und ihre Nachkommen, und sie brauchen mehr als ein paar Holzriegel, unsachgemäße Holzstücke mit noch unsachgemäßeren Bohrungen.“
* Baumaterial für den Bau von Brutzellen
* Totholz, Sand, Lehm, Steine
* Wasser, Pfützen
* Verwelkte Pflanzen, die über den Winter stehen bleiben
* Verzicht auf Dünger, Herbizide, Insektizide
* Verzicht auf Hybridpflanzen
* Komposthaufen
* Begrünte Fassaden etc. etc.

Interessant ist: Die Gesamtheit aller Gärten in der Bundesrepublik umfasst etwa 930.000 Hektar. Zum Vergleich: Die Gesamtheit der Naturschutzgebiete liegt bei 1.382.000 Hektar.
Blühwiesen: Je nährstoffärmer desto besser (S. 147): „Artenreiche Blumenwiesen gedeihen auf mäßig oder gar nicht gedüngten Böden. Der Artenreichtum steigt von etwa 25 Arten von Blühpflanzen in einer Fettwiese auf über 100 Arten an sehr mageren, stickstoffarmen Böden.“

In dem Buch sind auch jene Pflanzen genannt, welche besonders häufig von Insekten und Wildbienen angeflogen werden, z.B. Wiesenbärenklau, Giersch, Goldrute, Wiesenkerbel, Wiesen-Pippau etc.
Wusstet Ihr, dass Löwenzahn von 25 und Weiden von 28 Wildbienenarten angeflogen werden?
In Kapitel 8 „Die Wiederentdeckung der Bauern“ wird hervorgehoben, dass die Landwirte die potenzielle Rolle als Hüter von Boden, Pflanzen- und Tierwelt innehaben. Eine Vielzahl von Lösungsmöglichkeiten (samt guter Beispiele – auch über die Landwirtschaft hinausgehend) wird hervorgehoben.
Das Buch ist herausragend, ein Kracher! In einem Rutsch durchgelesen und jetzt noch mehr Motivation und Ziele, welche das Insektensterben (bei bei uns in unserem kleinen Rahmen) stoppen sollen. Kaufempfehlung!