Zwischenfazit „Blumiger Landkreis Osnabrück“
Artenvielfalt steigern, Insektensterben stoppen, http://blumiger-lkos.de
Heute ist nicht alle Tage, wir kommen wieder, keine Frage
Ein Interview und einige Fakten

Einige Fakten

Beginn der Anlage von Blühwiesen: 29. März 2018
Bislang bearbeitete Flächen (Mähen, Extensivierung, Fräsen, Aussäen): 40
Angelegte Blühwiese bzw. extensivierte Blühwiesenflächen in m² (2018): ca. 70.000
Beteiligte Schulklassen, beteiligte Schüler: ca. 15 Schulklassen, etwa 400 Schüler
Verteilte Saatguttütchen mit der Osnabrücker Mischung: 10.000
Presseartikel: 11
Ehrenamtlich investierte Arbeitsstunden: Bislang ca. 1100


Die Abbildung auf dem Bild zeigt die angelegten Blühwiesen aus diesem und letzten Jahr.

Eingesätes Saatgut:
10 kg Schmetterlings- und Wildbienensaum (regiozertifiziert)
40 kg Osnabrücker Mischung (regiozertifiziert)
140 Kilogramm „Blühende Landschaft Nord“
Kosten Saatgut: Etwa 10.000 Euro
Gesamtprojektkosten: Ca. 24.000 Euro
Verschickte Menge Saatgut an interessierte BürgerInnen: Ca. 60 Kg

Interview am 6.5.2018:

Dieses Interview spiegelt nicht die Meinung aller in dem Projekt beteiligten Personen wider, sondern stellt lediglich eine Einzelmeinung dar
(Kai, gUG Umweltschutz und Lebenshilfe, http://umweltschutz-und-lebenshilfe.de).

WP: Und Kai, wie fällt Dein Zwischenfazit aus?

Kai: Puh, wir sind ganz schön platt und erledigt, teilweise fast schon ein wenig ausgebrannt und auf den letzten Metern auch etwas gereizt gewesen.
Aber hauptsächlich sind wir froh und (für den Augenblick) ganz zufrieden.
Die letzten 6 Wochen waren nicht ohne, aber gemeinsam mit der BUND-Kreisgruppe Osnabrück und vielen vielen engagierten BürgerInnen aus dem südlichen Landkreis Osnabrück haben wir auch einiges geschafft. Darauf sind wir auch stolz. Dennoch können wir es einschätzen: Es sind bislang „einige Tropfen auf einen heißen Stein“. Nicht mehr aber auch nicht weniger.

Dank

WP: Gibt es jemanden, bei dem Du oder Ihr Euch bedanken möchtest?

Kai: Ja, da gibt es einige Personen, Firmen und Stiftungen, welche uns ganz toll unterstützt haben. Bedanken möchte ich mich beispielsweise bei der Naturschutzstiftung des Osnabrücker Landes, der Stiftung Stahlwerk Georgsmarienhütte, der Haarmann Stiftung Umwelt und Natur, der Tierschutz-Stiftung Wolfgang Bösche sowie dem Netzwerk Blühende Landschaften.
Auch die Sparkasse Osnabrück hat noch eine hohe Unterstützungssumme angekündigt. Danke dafür. Danke auch an meine Frau, welche das „nicht zu Hause sein“ so lange akzeptiert hat.
Zudem sind wir dem VFL Osnabrück zu Dank verpflichtet.
Beeindruckt bin ich auch von der Engagement von Georgs Bioladen aus Melle (Insbesondere Danke an Eike und Conny), Frank Strötzel aus Melle, George Trenkler, Peter Grothaus vom Campingplatz Ludwigsee in Bissendorf, Seppel aus Melle,
Claudia und Karsten vom Hof Luckmann in Bissendorf/Nemden (nicht nur ein super Biergarten sondern auch tolle Naturfreunde, welche diesen betreiben) sowie vielen Schulen und LehrerInnen.
Auch einige Firmen haben sich maßgeblich eingebracht, wie z.B. die Firma Runge aus Bissendorf, die Ost und Koch Immobilien GmbH aus Osnabrück,
Atelier Schimmöller aus Hilter, die Zentrale Autoglas GmbH (dort fand eine tolle Blühwiesenparty statt), die Tischlerei Huth, die Spies Kunststoffe GmbH sowie cool it (alle Melle) sowie natürlich unseren Saatgutlieferanten Rieger Hofmann. Auch die Stadt Melle, insbesondere den Leiter des Umweltamtes Torben Fuchs, möchte ich dankend hervorheben.
Ich könnte die Liste ewig fortführen. Danke!!!
Ich verweise an dieser Stelle auf folgenden Link:
http://blumiger-lkos.de/unterstuetzer/

WP: Ihr habt jede Menge in Eurem Blog und auf Facebook geschrieben. Wie waren da die Reaktionen?

Kai: Uns hat gefreut, wie stark die Aufrufzahlen gestiegen sind. Von Woche zu Woche. Zuletzt hatten wir nahezu 1000 Klicks pro Tag. Für ein Naturschutzprojekt ist das gut.

WP: Und finanziell, habt Ihr das Finanzloch stopfen können?

Kai: Nein, noch nicht, aber „das letzte Wort ist noch nicht gesprochen“.

Kosten

WP: Dann habt Ihr schlecht geplant? Man weiß doch vorher, wie hoch Kosten und Einnahmen sind und sein werden?

Kai: Nein, in der Praxis sieht es anders aus. Man weiß bei Projekten dieser Art im Vorfeld nie, welche Stiftungen und Organisationen sich beteiligen oder evtl. eine Absage erteilen. Da insbesondere bei einem Blühwiesenprojekt der Zeitpunkt der Aussaat maßgeblich ist, kann man jedoch nicht warten, bis sich alle potentiellen Förderer entschieden haben. Entscheidend ist das Machen, man muss halt auch loslegen, selbst wenn die Finanzierung noch nicht gesichert ist.
Vor Naturschutzprojekten gehört immer auch etwas „Pokern“ dazu. Das macht es leider oftmals ausgesprochen unattraktiv, Projekte zu initiieren,
Man braucht da manchmal einigermaßen gute Nerven und auch eine hohe Frusttoleranz sowie viel Kreativität.
Wir rechnen immer mit einem Sicherheitspuffer und „Notfall-Rücklagen“. Wenn dann jedoch, wie in diesem Projekt 3 Fräsen kaputt gehen, dann sieht es düster aus. Es war verhext!
Im „Blumiges Melle“-Projekt ist eine (!) Fräse des selben Typus und Herstellers 80.000 m² gelaufen.
Es folgten dann hier Reparatur- und Mietkosten. Wir können ja nicht warten bis unser Garantieanspruch erfüllt wird. Das dauert manchmal vier Wochen.
Zudem ist es so, dass bei jedem Projekt ein Eigenanteil anfällt. Der ist kalkulierbar. Dazu kommt aber auch, dass einige Stiftungen die Gesamtheit der Förderung erst nach Projektende zahlen.
In unserem Falle in 3,5 Jahren. Auch dieses Geld müssen wir privat vorstrecken. Gehen dann mehr Gerätschaften kaputt als gedacht oder potentielle Förderer zahlen nicht, dann müssen wir auch diese Unkosten privat auffangen. Das hat uns an den Rand der Klippe gebracht – ich kann es nicht anders sagen. Es bröckelt bereits unter unseren Schuhen.

WP: Aber Ihr als gUG Umweltschutz und Lebenshilfe habt doch Geld? Ihr kriegt doch Geld von Land und Kommune?

Kai: Das wäre schön, bleibt jedoch ein Traum. Nein, das Geld, was wir haben, kommt hauptsächlich aus unseren privaten Eigenmitteln. Ich arbeitet als Programmierer an der Uni Osnabrück und stecke jeden Monat etwa 600 Euro in die Projekte der gUG. Auch der Karsten, der nebenbei noch eine Familie durchbringt, steckt privates Geld rein.
Nicht viel anders sieht es bei der BUND-Kreisgruppe aus, so weit ich weiß. Wenn der Matthias (der Geschäftsführer), welcher die Arbeiten ehrenamtlich durchführt, nicht auch noch viel Geld aus seinem privaten Einkommen einbringen würde, dann wäre
es vermutlich noch schwieriger solche Projekte umzusetzen. Wir Naturschutzgruppen haben alle das selbe Problem.

Glücklicherweise gibt es auch nette Menschen, die etwas spenden oder unsere Kompostwürmer (http://www.umweltschutz-und-lebenshilfe.de/produkt/kompostwuermer-gartenwuermer-1-kg/) oder unser Buch kaufen (http://das-einpflanzbuch.de).
Die Gelder für Projekte stammen ansonsten hauptsächlich von Stiftungen und Firmen. Dafür sind wir sehr dankbar. Ohne dieses Geld wäre unsere Arbeit nicht zu finanzieren.
Es nervt mich selber zu tiefst, dass das Geld in solchen Projekten eine solch große Rolle spielt.
Ich kann es selber nicht mehr hören. Aber so ist nun mal die Realität.

WP: Klingt etwas nach Gejammer?

Kai: Ja, mag sein, sorgt auch manchmal für Frust. Setzt aber auch viel Eigeninitiative und Kreativität frei.

WP: Kriegt Ihr ein Gehalt für die Arbeit?

Kai: Nein. Im „Blumiges Melle“-Projekt haben wir uns mal eine Aufwandsentschädigung gezahlt. Etwa 80 Cent pro Stunde. Letztlich haben wir das Geld aber wieder ins Projekt reinvestiert, weil es nicht anders zu realisieren war.

WP: Wie hoch ist das Finanzloch derzeit?

Kai: Naja, wir erhalten noch eine großzügige Förderung von der Sparkasse Osnabrück. Anschließend fehlen noch einige Tausend Euro.
Aber „Na warte sagte Schwarte“, da finden wir auch noch eine Lösung. Der Drops ist noch nicht gelutscht.

Herausforderungen

WP: Was ist in solchen Projekten die größte Herausforderung?

Kai: In unserem Falle – es ist ja ein kleines Projekt mit einem Volumen von knapp über 20.000 Euro – ganz definitiv, mit weitem Abstand,
die Ausstattung mit Maschinen sowie die Menge des verfügbaren Saatgutes.
Wir haben aktuell noch nicht einmal einen dringend benötigten Bandheuwender. Für eine großflächige Extensivierung ist das unabdingbar.
Bislang extensivieren (Mahdgut entfernen) wir mit einem Balkenmäher und harken das Zeug dann manuell ab. Das geht auch, dauert aber auf 3000 m² etwa 8 Stunden. Beides hängt schon wieder mit Geld zusammen (nerv!!!!!!!).
Auch Women- und Menpower ist ein Aspekt. Wir hatten über 200 Flächenangebote für Blühwiesen alleine im südlichen Landkreis. Etwa 500 Anfragen hatten wir nach kostenlosem Saatgut. Von beiden Anfragen konnten wir nur einen kleinen Teil bedienen, aber auch das ist die Realität, leider. Viele Menschen wollen etwas tun gegen das Insektensterben – fühlen sich dabei jedoch etwas allein gelassen. Wir hätten gerne mehr gemacht, sind aber nur ein klaufen Haufen leicht verrückter Ökofreaks (die Blühwiesenpiraten).
Eine weitere Herausforderung ist eine wissenschaftliche Begleitung.

Pflege der Wiesen


WP: Ja, aber wenn das Harken so lange dauert. Wie wollt Ihr die nötigen Schnitte im Sommer denn durchführen? Das ist ja nicht schaffbar.

Kai: Naja, das Projekt impliziert ja, dass wir die Anbieter der Flächen einbinden. Wenn Menschen einige Stunden Arbeit oder etwas Geld in „ihre“ Fläche investiert haben, dann steigt die Identifikation mit dem Ziel des Insektenschutzes. Selbstverständlich ist es völlige Utopie, dass wir auf allen 80 Flächen (Blumiges Melle + Blumiger Landkreis Osnabrück) mähen und extensivieren. Das wollen wir auch garnicht. Wir wollen mit dem Projekt etwas anstoßen und die Menschen „selber“ machen lassen.. Wir betreiben die Projekte ehrenamtlich nach Feierabend. Klar ist aber auch, dass wir im Sommer auch sehr aktiv sein werden. Schon wenn Personen z.B. aufgrund körperlicher Schwierigkeiten die Mahd nicht durchführen können. Wir empfehlen den BürgerInnen und Bürgern die folgenden Informationen, um die Mahd durchzuführen. Es reicht schon, sich dafür eine Sense und eine Harke im Baumarkt zu kaufen. http://blumiger-lkos.de/bluehwiesen-gestalten/

WP: Es muss also im Sommer gemäht und abgetragen werden?

Kai: In der Regel schon. Eine Mahd im Sommer und eine im Herbst sind zu empfehlen. Wichtig ist aber im Sommer nicht die gesamte Fläche zu mähen, sondern nur einen Teil, damit die Insekten nicht plötzlich vor einem leeren Tisch stehen. Entscheidend ist es, dass das Mahdgut von der Fläche abgetragen wird. Man kann z.B. erstklassige kleine Blumensträuße draus machen. Das haben wir im Sommer auch vor. Diese werden dann in Krankenhäusern und Altenheimen verteilt. So hat auch die Mahd noch einen sozialen Nutzen. Den Rest der Mahd verfüttern wir an die Tiere auf unserem Gnadenhof Brödel in Melle. Eine Win-Win-Win-Win-Situation.

WP: Reicht es denn Blühwiesen anzulegen, um etwas gegen das Insektensterben zu unternehmen?

Kai: Nein, auf keinen Fall. Blühwiesen versorgen Insekten mit Pollen und Nektar. Genauso wichtig sind jedoch auch Unterkünfte. In unserer sauberen Kulturlandschaft und in sterilen Gärten fehlt es an allem.
Totholz, offene sandige Flächen (Ca. 75% aller Wildbienen z.B. nisten im Boden), nicht abgemähte Halme (diese sollten mindestens 2 Jahre stehen bleiben, da sie erst dann bezogen werden), Trockenmauern, etc. etc. Die Nisthilfen sind genauso wichtig wie die Blühwiesen.
Natürlich ist auch der Verzicht auf Pestizide elementar. In den letzten Wochen hat uns diverse Male ein heftiger Brechreiz in doppeltem Sinne gepackt.
Während wir mit einer 6 PS-Motorfräse ein Areal für eine Blühwiesenaussaat vorbereiten, tuckert 50 Meter weiter ein 300 PS-Traktor mit Spritztank und Spritzdüsen über ein Feld.
Das sind die Momente, in denen man sich sagt: Jetzt erst Recht!! Es zeigt aber auch die Relationen und Dimensionen.
Wir sind ein kleines Piepsmaus-Projekt. Ein guter Trecker schafft in 8 Stunden etwa 15 Hektar umzupflügen. In 8 Stunden schaffen wir mit einer Fräse ca. 2000 m², noch irgendwelche Fragen?

Wenn nicht schnellstens ein massiver Wandel in der Landwirtschaft stattfindet, dann werden wir die mageren und sauren Früchte dieser völlig verfehlten Politik ernten.
Ich frage mich, wie Menschen so dumm – um nicht zu sagen – dämlich sein können, und eine solche Lobby-Politik hofieren.
Die bittere Ernte wird uns allen noch im Halse stecken bleiben:
https://www.youtube.com/watch?v=NRTWTM6nfLo

Wichtig ist aber auch: Es geht nicht darum, einzelnen Landwirten den „schwarzen Peter“ zuzuschieben. Viele Landwirte stehen unter einem schier unmenschlichen finanziellem Druck. Es sind Dramen welche sich dort teilweise, oft im Verborgenen, abspielen. Es geht um die Landwirtschaftspolitik auf EU- und Bundesebene. Wir brauchen einen massiven Wandel hin zu nachhaltigen und integrativen Anbaumethoden. Finanziell unterstützt durch die Politik! Anders geht es nicht!

WP. Wie viele seid Ihr eigentlich?

Kai: Bei der gUG Umweltschutz sind wir zu zweit. Zum Glück helfen auch manchmal unsere Frauen mit. Bei der BUND-Kreisgruppe sieht es, so weit ich weiß, ähnlich aus. Es sind dort nur geringfügig mehr Leute im Blumiger Landkreis Osnabrück-Projekt aktiv meine ich.

WP: Wie sah dann der Alltag zuletzt bei Euch aus?

Kai: 14- bis 16-Stunden Tage. Morgens um 4 aufstehen. Saatgut und Bücher verpacken und verschicken. Fräsen, normale Arbeit in unseren Jobs, aussäen etc. Dazwischen Sponsoren ansprechen. Spät Abends platt in die Koje. Und weiter am nächsten Tag.

WP: Seid Ihr denn echte Experten in diesem Themengebiet. Also Biologen, Insektenkundler oder ähnliches?

Kai: Naja, echte Experten sind wir nicht. Bei der gUG sind wir ein Webprogrammierer und ein Tischler. Ich selber habe zwar ein Diplom in Umweltwissenschaften und in Geographie, aber das Wissen in unserem Themengebiet ist noch ausbaufähig. Promoviert habe ich im Bereich „Geodaten“, das hat mit Blühwiesen und Insektenschutz nicht so viel zu tun.
Gottseidank hatte ich vor 20 Jahren ein intensives pflanzenbiologisches Praktikum bei dem legendären Professor Hard in Osnabrück (lacht), der hat es
verstanden, Menschen zu motivieren. Das war positiv sehr prägend. Mittlerweile haben wir natürlich auch einige Erfahrungen gesammelt und führen viele Gespräche mit ausgebildeten Experten auf den entsprechenden Gebieten, mit Rieger Hofmann (Saatgutlieferant) oder verschiedenen Wissenschaftlern. Auch besuchen wir Tagungen, bei denen man viel lernt. Manchmal denke ich dann: Ach sie an, so geht das also….

Fehler

WP: Habt Ihr Fehler gemacht?

Kai: Logo, da waren einige Patzer dabei. Im Vorläuferprojekt „Blumiges Melle“ z.B. haben wir
mal den Zeitpunkt für einen Schröpfschnitt verpasst [intern: Sog. Schröpfschnitte werden durchgeführt, wenn Wildblumen von wachsenden Gräsern
im Wachstum „überholt“ werden]. Die Wiese war dann in dem Jahr für Insekten kaum zu gebrauchen. Durch fehlerhaftes Handling habe ich auch mal eine Maschine zersiebt. Fehler gehören dazu. Natur ist sowieso kaum planbar.
Auf einer Fläche beispielsweise haben wir alles gemacht wie im Lehrbuch. Das perfekteste Saatbett, nach Plan ausgesät und angewalzt. Dann war es einige Tage sehr warm, das Saatgut keimte.
Und plötzlich gab es einige Nächte Frost. Das wars dann. Schönes und teueres Saatgut hinüber.

WP: Man kann also in solchen Projekten auch viel falsch machen?

Kai: Ja, natürlich. Es gibt viele Naturschutzprojekte, bei denen etwas gut gemeint ist, und dennoch Fehler passieren. Ich nehme uns davon nicht aus.
Z.B. Kann eine Aussat zu früh oder zu spät stattfinden. Es kann ggf. zu wenig gemäht werden. Gerade im Sommer, wenn die Blühwiesen blühen, fällt das ja schwer. Aber gerade dann ist es wichtig. Es kann das „falsche“ Saatgut mit vielen nicht heimischen, invasiven Arten verwendet werden. Auch das ist alles andere als optimal.
Eigentlich würden wir am Liebsten nur mit regiozertifiziertem Saatgut arbeiten, aber 4 Kilogramm „Osnabrücker Mischung“ (reicht für etwa 2000 m² (++)) kosten etwa 500 Euro. Also nehmen wir viel „regional angepasstes“ Saatgut (Blühende Landschaft Nord). Dort ist aber Phacelia drin enthalten, was kontrovers gesehen wird. 4 Kilogramm von diesem Saatgut jedoch liegen bei 120 Euro – die finanzielle Realität zwingt uns zu diesen Entscheidungen.
Wenn z.B. sehr sandige Flächen mit einer Fräse bearbeitet werden, dann ist die Gefahr groß, dass dort Wildbienen im Boden das Fräsen nicht überleben.
Es gibt viele mögliche Fehlerquellen. Wir bemühen uns nach Kräften diese auszuschließen, aber ganz fehlerfrei ging es auch bei uns natürlich nicht.
Ich stelle immer wieder fest dass Menschen sagen: Was muss ich da beachten? Was muss ich dort beachten?
Manchmal ist die Sorge vor Fehlern so groß, dass letztlich garnichts passiert. Damit ist dann auch niemandem geholfen. Fehler sind ärgerlich, gehören aber dazu.
Mut zum Aktionismus mit einer größmöglichen Informationsbeschaffung, das versuchen wir zu predigen.
Einige Informationen zur Anlage von Blühwiesen haben wir einmal hier zusammengefasst:

http://blumiger-lkos.de/bluehwiesen-gestalten/

WP: Wie wäre es mal mit Zusammenkünften von Fachgremien, Wissenschaftlern, einer Art Tagung?

Kai: Wir besuchen ab und zu Tagungen, man lernt dort viel. Aber diese „runden Tische“ und „Fachsitzungen“ sind mir mittlerweile zutiefst zuwider. Es wird geredet, gesabbelt, gequatscht, bis es einem zu den Ohren herauskommt. Mittlerweile halte ich mich dort raus. Wenn man dann nämlich schaut, was dabei rumkommt, dann ist das oftmals herzlich wenig.
Sitzen 8 Personen 2 Stunden an einem Tisch, dann sind das 16 Stunden manchmal (nicht immer!!) völlig verschwendetes Gequatsche – ein Diebstahl von Zeit – ohne praktischen Nutzen. Naja, vielleicht fehlt mir auch einfach nur die Gabe, aus solchen Treffen was Sinnvolles herauszuziehen. Aber: In 16 Stunden Arbeit lässt sich auf freiem Feld viel bewegen. Ich halte es da mit Professor Berthold: Geredet haben wir genug. Jetzt zählt nur noch das Handeln! Der große Borussia Dortmund-Spieler Adi Preißler hat einmal gesagt:
„Grau is‘ im Leben alle Theorie – aber entscheidend is‘ auf’m Platz“.
Dem ist nichts hinzuzufügen.

WP: Sie gelten als Hitzkopf, der manchmal auch etwas dünnhäutig ist?

Kai (lacht): Ja, das stimmt voll und ganz. Das Blut in mir kocht zuweilen, war schon immer so. Wird wohl mal Zeit für Autogenes Training oder einen Atemkurs. Andererseits ist diese Eigenschaft auch ein prima Handlungsmotor. http://blumiger-lkos.de/zoff-bei-der-anlage-einer-bluehwiese-in-hasbergen-aber-ende-gut-alles-gut/

WP: Euer Projekt wirkt nicht immer komplett „bierernst“. Mit einer gewissen Freakigkeit wird immer wieder auch kokettiert.

Kai: Ja, das stimmt (schmunzelt). Es gibt viele gute Naturschutzprojekte, welche klassisch solide-ernsthaft durchgeführt werden. Auch das ist absolut spitze! Wir haben uns aber für einen anderen Weg entschieden, schon weil das etwas mehr unserem Naturell entspricht.

WP: Wie sieht die Unterstützung des Landkreises und der Kommunen bei diesem Projekt aus?

Kai: Die Naturschutzstiftung des Landkreises unterstützt uns finanziell maßgeblich. Auch die Stadt Melle hat Geld in die Hand genommen.
In der Stadt Osnabrück existiert das „BienenBündnis Osnabrück“, welches schon seit Jahren ausgezeichnete Arbeit leistet (https://www.osnabrueck.de/bienenbuendnis.html). Gespräche mit dem dort aktiven Herrn Bludau beispielsweise sind sehr angenehm und informativ.

WP: Habt Ihr mal die Parteien zu diesem Thema angeschrieben?

Kai: Na klar, alle bis auf die AFD, mit welcher wir niemals zusammenarbeiten würden. Geantwortet hat keine, nicht eine einzige. Nicht mal die Grünen. Vermutlich sind wir den Parteien zu freakig oder das Thema interessiert nicht.

Wissenschaft

WP: Wie sieht es mit wissenschaftlicher Unterstützung aus?

Kai: Oh, das ist ein schwieriges Thema (rollt die Augen).
Wir haben in eingen Fällen großes Glück. Die Stiftung Stahlwerk Georgsmarienhütte z.B. hat jemanden vom Botanischen Garten Osnabrück beauftragt, auf der Blühwiese beim Stahlwerk ein Monitoring durchzuführen.
Das ist großartig!! Das ist ein gutes Beispiel, wie Aktive eines semi-wissenschaftlichen Aktionsprogrammes und echte Wissenschaft „Hand in Hand“ gehen können. Leider haben wir diese Erfahrung nur sehr selten gemacht.

Eine große Osnabrücker Konifere (ja, der/die Nadelbaum/bäumin) beispielsweise aus einem thematisch betroffenen Fachgebiet z.B. hat eine Unterstützungsanfrage (Projektantrag, Projektanfrage) ganz derbe abgewatscht. Eine schallende Ohrfeige war das, aber trotzdem irgendwie auch zu verstehen.
Als Motivationshilfe für unser Projekt haben wir uns seine/ihre -offen gesagt- selten destruktive schriftliche Absage eingerahmt und aufgehangen.
In dieser wurde eine „fehlende fachliche Professionalität, welche ihn/sie an das Projekt „Deutschland summt erinnere…“ bemängelt.
Verbunden mit der Aussage: „Ich habe unumstößlich beschlossen, dass ich mich an ihrem Projekt nicht beteiligen werde etc. etc.„.

Das war ein derber Schlag in die Magengrube, allerdings in gewisser Weise auch wiederum nachvollziehbar. Die Projektbeschreibung war aus wissenschaftlicher Sicht vermutlich wirklich ziemlicher Käse. Die Person hatte scheinbar nicht begriffen, dass es hierbei eher um eine Unterstützungsanfrage ging – oder es wurde von unserer Seite schlecht kommuniziert.
Trotzdem war es insgesamt massivst frustrierend, so wenig Hilfe von renommierten Professoren und Professorinnen zu bekommen.
Andererseits widerum ist es ja nicht die Aufgabe von Hochschulangestellten, Defizite im fachlichen Know-how von Umweltaktivisten auszugleichen. Insofern habe ich sogar noch Verständnis. Ich gehöre zudem selber zu den Menschen, welche nicht immer „den richtigen Ton treffen“, das klingt dann in den Ohren des Gegenübers zuweilen noch etwas schief nach.
Wir sind jedoch bei der Suche nach wissenschaftlicher Unterstützung sehr häufig auf „Elfenbeinturm-Mentalitäten“ und völlig skurrile Vorstellungen von der realen Praxis (und deren Möglichkeiten) kleiner Naturschutzgruppen gestoßen.
Der Transfer von Wissenschaft (und wir brauchen die Wissenschaft heute dringender denn je, das steht außer Frage) in die Praxis ist teilweise eine Katastrophe. Gerade beim Insektenschutz besteht hier noch gigantischer Nachholbedarf.
Gleichzeitig muss sich jedoch jeder auch selber an die eigene Nase fassen (wir also auch) und sich fragen, was er/sie unternimmt, um an dieses Wissen heranzukommen.
Wenn jedoch aus der Wissenschaft solch ablehnende Bemerkungen über Projekte kommen, die endlich einmal Menschen motivieren (z.B. „Deutschland summt“), dann finde ich das sehr schade – etwas weniger Arroganz und etwas mehr Konstruktivität wären hilfreiche Ansätze. Das bleibt letztlich eine individuelle Herausforderung.
Egal, abgeha(r)kt ! (hahahahha, welch Wortwitz im Sinne eines Blühwiesenprojektes)

Glücklichwerweise haben wir dann jedoch noch einen sehr konstruktiv eingestellten Professor gefunden, welcher bereit war „etwas Licht ins Dunkle“ zu bringen. Dafür sind wir sehr dankbar.
Wir haben nun gemeinsam einen sehr großen Projektantrag beim Bundesamt für Naturschutz eingereicht. In diesem geht es u.a. um ein Monitoring der Blühwiesen im südlichen Landkreis Osnabrück und deren summender Besucher.

WP: Kennen Sie ein gutes Beispiel für eine Zusammenarbeit von Wissenschaft und Aktionsgruppen?

Ja, viele, ich finde es z.B. toll, dass Wissenschaftler aus Osnabrück sich an der Erstellung der „Osnabrücker Mischung“-Saatgutzusammenstellung beteiligt haben. Das ist sehr wertvoll und diese Mischung wird ja auch in der Region vielfach ausgesät. Im Projekt haben wir das Saatgut in einem Kaugummiautomaten vor „Georgs Bioladen“ in Melle offeriert.
Der Absatz war gigantisch!
Zudem gab es eine unglaublich hohe Reaktion z.B. auf Facebook oder in der Presse:

http://blumiger-lkos.de/regionales-saatgut-aus-dem-kaugummiautomaten-melle/

https://www.noz.de/lokales/melle/artikel/1184037/warum-es-in-melle-blumensamen-in-einem-kaugummiautomaten-gibt


Auch finde ich z.B. Professor Peter Berthold großartig. Ihm gelingt es immer wieder, fachliche Erkenntnisse in die Bevölkerung zu transferieren. Ein echtes Vorbild. Für den Insektenschutz sind viele seiner Informationen beeindruckend interessant:
http://vogel-beobachtung.de/buchrezension-unsere-voegel-warum-wir-sie-brauchen-und-wie-wir-sie-schuetzen-koennen/

WP: Was war das schönste Erlebnis in dem Projekt bislang?

Kai: Definitiv die Begeisterung der Schulkinder beim Anlegen der Blühwiesen:
Siehe z.B.:
https://www.youtube.com/watch?v=HP4I5zfoAEI

https://www.youtube.com/watch?v=tK7k_dh7dbQ

https://www.youtube.com/watch?v=Euas8vG4UOg

WP: Und was war das Negativste?

Kai: Da gabs auch einiges, aber das sage ich nicht.

Wie gehts weiter?

WP: Und wie gehts weiter:

Die finanzielle Situation und die defekten Fräsen haben uns eine Zwangspause verordnet. Anderseits tut uns diese auch ganz gut. Wir waren zuletzt völlig gerädert, uppe, gereizt und ko.
Schließlich müssen wir ja auch noch einem normalen Vollzeitjob nachgehen und der Betrieb unseres kleinen Gnadenhofes (http://gnadenhof-melle.de) läuft auch nicht von allein.
Am 26.5. führen wir noch eine tolle Blühwiesenparty in Bissendorf durch:

http://blumiger-lkos.de/bluehwiesenpartys/

Dort werden auch noch zwei Blühareale angelegt. Und definitiv wird mehr als nur ein Bier getrunken (lacht) 🙂
Im Sommer geht es dann mit der Extensivierung von Flächen weiter.

WP: Was können Menschen tun, um Eurer Projekt zu unterstützen?

Kai: Selbst aktiv werden. Blühwiesen anlegen oder Nisthilfen schaffen.
Oder spenden:
https://www.betterplace.org/de/projects/61252-blumiger-landkreis-osnabruck?utm_source=project_widget&utm_medium=project_61252&utm_campaign=widget

Wer ungern spenden möchte und lieber eine direkte Gegenleistung haben will, der kann gerne unser
einpflanzbares Kinderbuch kaufen. Aus dem Buchdeckel erwächst hilfreiches Saatgut für Insekten.

Die Wubbjes helfen der Natur – Das Einpflanzbuch“.
Für Kinder und für Erwachsene (auch wir können noch so einiges lernen :-)).
Nach maximal-ökologischen Ansprüchen produziert, mit abnehmbarem Buchdeckel, welcher eingepflanzt werden kann (enthält hochwertiges Saatgut für „Insektenpflanzen“).
Viele Tipps für Kinder („Was kannst Du für Insekten tun“) und tolle Geschichten z.B. zu Insekten (Wildbienen & Co.), Blühwiesen, Regenwürmern etc.
Und: Fußballgeschichte für den Artenschutz:
Hummelburger SV vs. VFL Otternbrück

26,80 Euro, gibt es hier zu kaufen:

https://doktor-kalle.de/produkt/buch-die-wubbjes-helfen-der-natur-das-einpflanzbuch/

Ein kleiner Film dazu:

Und noch ein Film:

Und unsere erste Rezension in der Neuen Osnabrücker Zeitung:
https://www.noz.de/lokales/melle/artikel/1200419/meller-kai-behncke-schreibt-kinderbuch-aus-dem-echte-blumen-wachsen#gallery&0&0&1200419

Und ein Kommentar in der NOZ:
https://www.noz.de/lokales/melle/artikel/1200394/ein-buch-das-uns-die-bienen-wiederbringt-eine-gute-idee

Allgemein,